Politik

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Vom Aussterben bedroht:
Göttingens liebenswerte Seitenlagen

Hat Göttingen das verdient? Einkaufsverhältnisse wie in Amerika?

Passt denn das hierher? In unsere schöne Altstadt? Seit Jahrhunderten von einem Wall umgeben, der es so leicht macht, Einkaufsbummel und den Spaziergang durchs Grüne eins werden zu lassen?

Zum Schwarzen Bären: Hier, in einem der ältesten Renaissancebauten, war bereits Otto Hahn Stammgast.
Zum Schwarzen Bären: Hier, in einem der ältesten Renaissancebauten, war bereits Otto Hahn Stammgast. © kli

Ein Blick nach Siegen oder Bautzen genügt, um sich zu vergegenwärtigen, wie schnell ein Shopping-Center mitten im Zentrum der Stadt die alt eingesessene Geschäfts- und Haussubstanz erst angreift, und dann vollends ausrottet. Bereits 2004, bekam es jeder in einer Ausgabe des „Stern“ am Beispiel Siegen vor Augen geführt. Seit es das ECE-Center in der Siegener Unterstadt gibt, siecht die historische Oberstadt dahin. Ab und zu hängen nun Künstler Bilder in einige wenige der vielen leeren Schaufenster: „Mietfreie Spontangalerien, damit die Welt der einsamen Scheiben nicht gar so trostlos aussieht.“ (zitiert nach dem Stern vom 14.10.2004)

Was Göttingens Innenstadt da im Moment ganz vehement droht, ist eine massive Neuansiedlung von Großanbietern. Genauer gesagt: in der Planung sind bis zu 64.000 m2 als neu geplante Einzelhandelsflächen, die die bereits vorhandenen Flächen mehr als noch einmal verdoppeln würden. Wenn sich nur endlich einmal einer der politisch für die Stadt Verantwortlichen die Mühe machte, und sich alle, aber wirklich alle Stadtentwicklungen in der Innenstadt, von denen in diesem Jahr die Rede war, zusammen eine Lehre sein ließe! Kaufland baut bereits in der Innenstadt. Die nach GfK-Gutachten allein noch nicht ausreichend vorhandene Textilverkaufsfläche, ist auch bereits gesichert. Esprit bezieht zwei Häuser in der Groner Straße, dank einem Projektentwickler namens Comfort aus Düsseldorf. Und was kommt noch, was ist mit den im verkauften Sparkassengebäude geplanten Einzelhandelsverkaufsflächen? Und was ist mit den weiteren Plänen an der Groner Straße und vor allem mit den Plänen, die Stadtbadareal, Carré und Sparkassengebäude gemeinsam betreffen? Der „großen Lösung“, das heißt der Lösung, durch ein Shopping-Center einen Ort zu beleben, der bisher keineswegs das Zentrum des Göttinger Einkaufslebens darstellte, hängen noch immer viel zu viele der Göttinger Stadtpolitiker an. Das seit Generationen inhabergeführte, besondere und einzigartige Fachgeschäft: ist es also wahrhaftig im Jahre 2015 bereits nahezu ausgerottet?

Der Wall: eine gut Möglichkeit, Einkaufsbummel und Spaziergang im Grünen eins werden zu lassen.
Der Wall: eine gut Möglichkeit, Einkaufsbummel und Spaziergang im Grünen eins werden zu lassen. © kli

Es gibt im Moment einen Trend in die Innenstadt. Junge und Alte wohnen gerne zentral, wenn, wie in Göttingen noch gegeben, die Innenstadt nicht nur ein intaktes Einkaufsumfeld bietet, sondern zugleich ein Umfeld, das schön und grün ist. So war in dem gemeinsamen Workshop von Verwaltung, Politik und Einzelhandel am 14. Oktober zur Situation des früheren Reitstallgebietes durchaus auch die Rede davon, ob das Gebiet von Carré und Stadtbad sich nicht auch für ein Betreutes Wohnen und für die Schaffung von Parkplätzen anbiete. Schließlich grenzt ja nicht nur das bisherige Einkaufszentrum, sondern ebenso grenzen Leinekanal und Wall an das Gelände. Warum in Göttingen also nicht lieber schöner wohnen anstatt wie in Amerika überdacht einzukaufen? Warum der Bausünde Reitstall eine weitere hinzufügen?

Wenn wir uns bereits 2015 wirklich schon fragen müssen, wo unsere schöne, durch ihre historischen Bauten so liebenswerte Innenstadt eigentlich geblieben ist, dann ist eins sicher: Auch wohnen möchte niemand mehr in einem Zentrum, dem es an Leben fehlt und dessen Häuser leer stehen.

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