Über 500 Arbeitsplätze weg und nichts dazugelernt

von Nord von Lohebeeke

Schließung von Huhtamaki in Göttingen: Musste es wirklich erst so weit kommen? Das Betriebsgeländes wurde zum Jahresende 2005 bis auf eine Restproduktion im Silikonbereich endgültig geräumt, die Maschinen abgebaut, der Betriebsrat hat sich aufgelöst. Wo waren die Politiker, als es noch nicht darum ging, große Solidaritäts-Reden zu schwingen, sondern zu handeln und die Gefahr zu bannen?

11. Mai 2005: Das Göttinger Werk Huhtamaki wird zu Grabe getragen. © IG BCE

Göttingen ist ein durchaus attraktiver Standort. Auch der finnische Konzern Huhtamaki weiß das. Noch Monate, nachdem er am 10. Mai 2005 die Schließung des Göttinger Werkes öffentlich verkündet hatte, pries er auf seiner Homepage Göttingen als ein bedeutendes Zentrum eigener Produkte an: „Göttingen, eine Stadt der Forschung und Wissenschaft im Herzen Deutschlands, beheimatet nicht nur die weltweit anerkannte Georg August Universität, sondern ist auch ein Zentrum für exzellente Verpackungen.“ Göttingen bediene als eine seiner größten europäischen Produktionsstätten für Lebensmittelverpackungen unter Einsatz einer großen Vielzahl von Technologien alle europäischen Geschäftsbereiche: Consumer Goods, Fresh Foods, Food Service und Films.

So propagierte Huhtamaki Göttingen im eigenen Internetauftritt als technologisch innovativen Standort. Dennoch war es gerade das Werk Göttingen, das seit 2003 Verluste mit steigender Tendenz in zuletzt zweistelliger Millionenhöhe erwirtschaftete. Und das durchaus aufgrund seines mittlerweile „veralteten Maschinenparks“ (s. GBE Nr. 176 von Februar 2005: Wird Huhtamaki Göttingen auch „abgewickelt“?). Je röter die Zahlen wurden, die die Göttinger Produktion schrieb, desto weniger wagte das Management in Rationalisierung, bessere Technik und Zukunftstechnologien zu investieren. So hat es eine im Bereich der Verpackungsformen entscheidende, neue Technologie, das Spritzgussverfahren, das eine größere Formenvielfalt ermöglicht, verpasst.  Stattdessen versuchte es, am Personal zu gesunden, die Arbeitszeiten zu verlängern und möglichst wenige der hoch qualifizierten Arbeitskräfte immer flexibler und lohngünstiger arbeiten zu lassen. Ergebnis: Ein beständig steigender Verlust an Marktanteilen.

28. April: Eine erste Solidaritätsversammlung auf dem Betriebsgelände. © IG BCE

Kurz und gut, was das Management in Göttingen da all zu einseitig betrieb, war ein Abbau der Personalkosten: Eine Spartaktik, die sicher keinen Sonderfall darstellt, sich im Falle des Weender Werkes aber als schlechtes Management erwiesen hat. Selber jedes Risiko, jede Neuanschaffung zu scheuen, die Marktentwicklung an sich vorbeigehen zu lassen, dabei allen Druck ganz allein einer immer schlechter bezahlten Belegschaft aufzuerlegen, ohne ihr Sicherheiten zu bieten: Das kann nicht gut gehen. Ebenso wenig, wie aus zwei Kranken ein Gesunder zu werden vermag. Und doch legte Huhtamaki das Göttinger Werk mit einer ebenfalls wackelnden niederländischen Firma zusammen und stellte für die 250 entlassenen Arbeitskräfte 150 neue in Göttingen ein, nur um auch diese alsbald wieder zu entlassen, zusammen mit allen anderen bei Huhtamaki in Göttingen Beschäftigten.

Zwei Jahre lang hat der Göttinger Betriebsrat Walter Stelzel, zugleich Vorsitzender im Gesamtbetriebsrat und im Europabetriebsrat Huhtamakis, keine Gelegenheit ausgelassen, die Konzernleitung darauf aufmerksam zu machen, dass weder der Betriebsrat noch die Arbeiter bereit wären, hinter einer Personalkostensenkung ohne Konzept und Standortgarantien, ohne Investitionen zu stehen. So sei das Göttinger Werk nicht zu halten. Umsonst.

Spontanstreik am 28. April: Belegschaft und Betriebsrat wehren sich. © IG BCE

Ende 2005 hat Huhtamaki den Großteil seiner Göttinger Produktion endgültig eingestellt. Das ist sicher. Nur die Herstellung beschichteter Papiere für Adressen und Ähnliches läuft profitabel in Göttingen weiter. Diese Restproduktion im Silikonbereich benötigt jedoch nicht mehr als 70 Beschäftigte. Das große Werksgelände liegt somit größten Teils brach. Von den über 500 arbeitslos Gewordenen werden höchstens die wenigen Jüngeren überhaupt eine Chance haben, erneut eine Arbeit zu finden. Die „exzellenten“ Verpackungen für Eis-, Joghurt- und Buttermilch stellt Huhtamaki allerdings auch weiterhin her. Nur: nicht mehr in Göttingen, sondern höchstwahrscheinlich irgendwo in Süd- oder Osteuropa. Ein Konzern, der ansonsten noch immer Gewinne im dreistelligen Bereich erzielt, hat aus den Göttinger Verlustgeschäften endgültig eine Konsequenz gezogen, die niemanden in Göttingen gefallen dürfte. Auch den Göttinger Politikern nicht.

Die zeigten sich im Mai 2005 auch demgemäß betreten und bekundeten allesamt ihre Solidarität und Anteilnahme mit den nun arbeitslos gewordenen, fast 600 Beschäftigten. Die zeigten sich auf einer vom DGB organisierten Kundgebung davon jedoch wenig beeindruckt. Kein Wunder, die Beileidsbekundungen der Politiker kommen ja nun auch reichlich spät. Ebenso ihre eifrig bekundeten und doch allesamt fehlgehenden Versuche, Huhtamaki noch umzustimmen. Es ist ja kaum anzunehmen, dass Huhtamaki eine einmal öffentlich gemachte Entscheidung wieder zurücknimmt. Ist den Göttinger Politikern die ganze Zeit entgangen, was sich ja bereits seit 2003 abzeichnete und was der Betriebsrat Walter Stelzel immer wieder versuchte, dem Huhtamaki-Konzern zu verdeutlichen?

Vom Werk Weende ging’s bis in die Innenstadt, 11. Mai. © IG BCE

Wohl kaum. Denn siehe da, die regierenden Politiker haben nicht nur nichts gewusst von der zunehmenden Unwirtschaftlichkeit der Weender Herstellung, sie haben das Werk sogar subventioniert. Das Unternehmen hat für eine Restrukturierung und den Ausbau des Standortes Göttingen öffentliche Mittel in erheblichem Umfange in Anspruch genommen, so drückt es der Landtagsabgeordnete Harald Noack von der CDU aus und bedauert, dass diese Mittel nicht zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit genutzt wurden und dass die Firmenleitung nun, im Mai 2005, nicht mehr mit sich reden lässt, was den Standort Göttingen betrifft (s. auf www.haraldnoack.de den News-Artikel „Aus für den Huhtamaki-Standort durch falsche Unternehmenspolitik“ vom 11.05.2005).

Ja, wozu subventioniert eine Landesregierung ein Unternehmen eigentlich? Seltsame Frage. Natürlich, damit mit dem Unternehmen auch der Standort floriert. Müssen sich dann nicht aber auch diejenigen, die die Mittel empfangen, dem Standort verpflichten? Es kann doch nicht sein, dass ein Unternehmen das Geld nimmt und dann an einem anderen Standort floriert. Auch wenn es nicht klappt mit dem Florieren, muss klar sein, dass die vom Steuerzahler herausgegebenen Gelder von einem ansonsten profitablen Konzern wie Huhtamaki zurückgeführt werden, oder?

Wäre es nicht an den Politikern gewesen, hierfür zu sorgen? „Man kann ja gar nicht so schnell Arbeitsplätze schaffen, wie sie abgebaut werden.“ so klagt Thomas Oppermann (SPD) laut Extra Tip vom 15.5.2005 (Artikel: „Finnischer Frost verschärft die soziale Kälte“). Aber hätte man nicht schon längst und nicht erst jetzt Gespräche mit der Werksleitung in Finnland, mit den Geschäftsführern in Deutschland und den Gesellschaften führen müssen, wie es in anderen Ländern ja auch gang und gäbe ist? Hätte man sich nicht schon lange einschalten und nach dem Wohlergehen des seit 2003 kränkelnden Patienten erkundigen können? Hätte man nicht die Finnen rechtzeitig davon überzeugen sollen, dass Göttingen, dass Deutschland noch immer ein zentraler und attraktiver Standort ist?

Spontanstreik am 28. April: Nicht nur die Gabelstapler ruhen. © IG BCE

Ja, hätte man nur. Doch was andere Länder erfolgreich betreiben, eine ständige Kommunikation mit der Wirtschaft, das ist hierzulande noch ein Fremdwort. Dabei hätte solch Aufklärungsarbeit durchaus schlagkräftige Argumente und manch reales Beispiel auf seiner Seite gehabt. Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ist gestiegen, wie die Statistik zeigt (s.u.). Und nicht nur das. Die Format Tresorbau GmbH hat ihre Produktion sogar von Polen zurück nach Deutschland, nach Nordhessen verlegt. Geschäftsführer Michael Kleinert bekennt, dass unter anderem die steigenden Lohnkosten in Osteuropa sowie die von Maut und Benzinpreisen in die Höhe getriebenen Transportkosten, ein Grund für den erneuten Standortwechsel vom polnischen Bromberg nach Nordhessen gewesen seien: „Wir sehen Hessich-Lichtenau als idealen Standort, um Zentraleuropa zu günstigen Preisen und mit kürzesten Lieferzeiten zu bedienen.“ Zudem sei die Qualität der Fertigung in Deutschland besser. Ermöglicht werde die Rückkehr durch den Bau einer automatischen Fertigungsstraße, der den Lohnkostenanteil von 30 auf 10 % senke. Trotzdem wird Format langfristig 200 Arbeitnehmer beschäftigen, und das ist für die Branche schon eine Zahl. Hier hat ein Unternehmen seine Hausaufgaben gemacht. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Region als Wirtschaftsstandort mehr als taugt, ist das Unternehmen Otto Bock in Duderstadt, das weltweit für qualitativ hochwertige und technologisch herausragende Produkte und Dienstleistungen in der Orthopädie- und Reha-Technik steht.

Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ist gestiegen
Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ist gestiegen. Quelle: DATASTREAM

Nordhessen und Niedersachsen bieten unter anderem durch ihre zentrale Lage, ihre Infrastruktur und ihre ICE-Anschlüsse einen optimalen Standort in Europa. Nicht nur, dass die Produktionsbedingungen sehr gut sind, es stehen auch hoch qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung. Eine kluge Politik, die sich für die Region einsetzt, sollte da Werke wie Huhtamaki hinsichtlich ihrer Standortpolitik zur Besinnung zu bringen vermögen, vielleicht gar zu einer Entscheidung wie der von Format Tresorbau bewegen.

Wie hilflos sind die Politiker eigentlich? Welchen Einfluss haben sie auf Unternehmen, die nicht nur mehr und mehr ihrer Arbeitskräfte entlassen, sondern gar den Standort wechseln und in Ost- und Südeuropa auf billigere Lohnkosten setzen? Wozu können sie die Unternehmen vertraglich verpflichten, denen Subventionen zugesprochen werden? Werden dem Beispiel Huhtamakis in Göttingen noch weitere folgen? Werden die Politiker Entlassungen weiterhin hilflos gegenüber stehen? Neben den Entlassungen bei Huhtamaki sind es die bei der Gothaer, die von sich reden gemacht haben. Wie viele Entlassungen, Firmenaufgaben und Wechsel des Produktionsstandortes von Deutschland fort, gibt es, von denen nichts bekannt ist? Geben wir zumindest die Hoffnung nicht auf, dass vielleicht die regionalen Politiker immer frühzeitiger Bescheid wissen und auch Bescheid geben. Das heißt, nicht nur frühzeitig zielgerichtet handeln, sondern auch frühzeitig öffentlich machen, wie es um den ihrer Zuständigkeit unterliegenden regionalen Wirtschaftsstandort und die ansässigen Unternehmen steht.