Gesellschaft

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„Ein Radio schießt aus nächster Nähe“

Floridor Peréz liest im Literarischen Zentrum. © Literarisches Zentrum Göttingen e.V., 3.11.2006

Es sind der Humor und die Bilder, in denen eine ganz konkrete Erfahrung anwesend ist, die den Zugang zu den Gedichten erleichtern. Wie im sogenannten richtigen Leben werden Freude und Schmerz zugleich erlebt, gerade die Erfahrung von Gefangenschaft gibt der Liebeserfahrung ihren Raum: Frei habe ich nicht darum gebeten/Allende hat es mir nicht gegeben/Die Militärjunta wird es mir nicht nehmen“, heißt es im „Brief von Natacha, 2“. Aber nicht allein die Kraft der Liebe, auch all die erlebten Traumen der Gefangenschaft kommen zu Wort. Im Gedicht „Die unvollendete Partie“ wird der Schachpartner mitten im Spiel abgeführt und erschossen und im Gedicht „23.September 73“ schießt das Radio aus nächster Nähe dem Gefangenen den Tod von Pablo Neruda ins Ohr. „Der Wachmann sucht etwas zum Tanzen/sein Maschengewehr folgt dem Takt. (…) Um eine Schweigeminute möchte ich bitten, doch brauche ich Stunden um Stunden die Stimme zu finden.“

Es ist das „P.S. für Aschenputtel“, das Floridor Pérez im Literarischen Zentrum den Gedichten zu Gewalt und Diktatur folgen lässt: „Vom globalisierten Schmerz kehren wir in die Heimat zurück, ins Zuhause der Kindheit, in der unsere Großmütter uns ein Märchen erzählten, damit wir einschlafen. Erst später merkten wir, dass es uns nicht einschliefen ließ, sondern weckte.“ Und im Gedicht selber heißt es dann: „Sie heirateten/und lebten glücklich/bekamen viele Kinder/und weil sie nicht/gestorben sind/ließen sie sich scheiden/wegen/eines kaputten Schühchens/und dann/heiratete sie einen anderen.“

Ein Dorf in Chile in den 1960er Jahren, ein Irgendwo, ein Nirgendwo, auf keiner Karte zu finden. Ein Brief an den Dichter Floridor Peréz brauchte damals ein halbes Jahr um anzukommen. In Göttingen erzählt Perez, wie er, der Dorfschullehrer, einst über die Felder ging und seinen Kopf in einem Buch stecken hatte. Es handelte sich um eine spanische Übersetzung der Aphorismen von Lichtenberg. Diesem Lichtenberg sitzend auf einer Bank in Göttingen zu begegnen, prägte nun seinen ersten Eindruck von Göttingen. Davon, um wie viel beliebter das Gänseliesel als Göttingen-Motiv ist als Lichtenberg, ist nicht die Rede. Davon, was die Bauern von der Lektüre ihres Lehrers, der mittlerweile in Santiago lebt, schreibt und lehrt, damals hielten, erfährt das Publikum dieses Mal nichts weiter. Vielleicht ein anderes Mal? Das wäre schön.

Als aggressiv ländlich gelte Floridor Peréz in Chile, meint die Moderatorin Leonie Meyer-Krentler. Dass die Lesung ausverkauft sei,  sei ungewöhnlich, erklärt sie dem Chilenen. In Deutschland sei Lyrik marginalisiert. Vom Publikum selbst kommt am Ende jedoch nur eine einzige Frage. Doch führt diese dazu, dass Pérez noch einmal ins Erzählen gerät: Er habe beides erlebt, die kollektive Hoffnung und die Enttäuschung. Die Welt habe er nicht verändert, aber habe auch ihn die Welt nicht verändert.“ Erst nach der Veranstaltung und einem lang anhaltenden, begeisterten Applaus bilden sich Gesprächsgruppen um die drei Akteure der Lesung. Viele der Anwesenden scheinen die Übersetzerin zu kennen oder spanisch zu sprechen oder in Göttingen zu studieren. Vielleicht der Grund für das ausverkaufte Haus. Dabei ist das, wovon Gedichte wie die von Floridor Peréz erzählen vor allem für Leser geschrieben, die es Wort für Wort erleben, und das sind keineswegs immer nur die, die studieren und bereits viel über Lyrik wissen. Wahrscheinlich ist es gut, es mit Floridor Peréz selbst zu halten, der am Ende der Lesung meint, „Die einzige Möglichkeit, dass die Utopie sterben kann, ist, dass sie wahr wird.“

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