Gesellschaft

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Entspannte Momente höchster Konzentration

Johann von Bülow – eine persönliche Begegnung

Johann von Bülow bei sich zu Hause in Düsseldorf. © Niklas Richter

Düsseldorf ist die Stadt, in der Johann von Bülow mit seiner Familie als freier Schauspieler lebt. 1972 in München geboren, wo er an der Otto-Falckenberg-Schule seine Schauspielausbildung absolvierte, hat er sich inzwischen nicht nur an Theaterhäusern einen Namen gemacht. 1995, gleich nach seinem Hochschulabschluss drehte er neben Franka Polente mit „Nach fünf im Urwald“ seinen ersten Kinofilm. Seitdem arbeitet er sowohl an verschiedenen Theatern als auch für Fernsehen und Kino, von 2000 bis 2006 war er fest angestelltes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bochum.

Was Niklas Richter in Düsseldorf porträtierte, ist jedoch nicht der  Schauspieler in seiner Fähigkeit in verschiedene Rollen zu schlüpfen, sei es in den wieder jungen Faust in Wolfgang Engels Leipziger Inszenierung, sei es in den zu Gewalt und Arroganz neigenden, adeligen Maurizio Lorenzoni im 2001 nach dem Roman von Donna Leon gedrehten Fernsehkrimi Nobilta, mit Joachim Krol als Brunetti. Was Niklas Richter in Düsseldorf porträtierte, das ist Johann von Bülow, so wie er ihn in der 1 ½ Tage währenden Fotosession an verschiedenen Orten erlebte.

„Die Atmosphäre ist wichtig“, sagt Niklas Richter. Der Porträtierte darf sich nicht verloren fühlen. Das ist bei einem Schauspieler nicht anders als bei jedem anderen. Niklas Richter ist daher offen für das, was die konkrete Situation und die Person selber vor- und hergeben, sowohl künstlerisch als auch atmosphärisch: „Ein lebendiges Bild lässt sich nur schwer konstruieren.“ Seit rund 10 Jahren beschäftigt er sich mit Fotografie. Aufgewachsen in Hamburg, lebt er seit 1989 in Göttingen, wo er Kunstgeschichte studiert hat.

Es ist der geschulte, wache, zugleich entspannte und konzentrierte Fotografen-Blick, mit dem Niklas Richter Johann von Bülow zu Hause, auf der Straße und im Foyer der Victoria-Versicherung von Moment zu Moment neu zu erfassen und ins Bild zu fassen suchte. Nicht nur im ersten Gespräch im Wohnzimmer des Schauspielers, haben sich beide, um warm miteinander zu werden, unterhalten. Die Unterhaltung, immer wieder auch über die Schauspielerei, hat weiterhin eine große Rolle gespielt. Im Gespräch konnten beide Vertrauen zueinander gewinnen: Das hat zu einer Atmosphäre beigetragen, die wichtig ist, wenn einer den anderen persönlich porträtiert.

Johann von Bülow – ein Porträt in 20 Farbfotos

Eine Fotoausstellung von Niklas Richter. © Niklas Richter

Johann von Bülow sitzt zu Hause vor seinem Sofa, verlässt das Haus, telefoniert, unterhält sich, besinnt sich, wäscht sich das Gesicht, ist auf dem Weg durch die Stadt oder schaut sich im Foyer der Victoria-Versicherung um: Wechselnde Umgebung, wechselnde Stimmungen, wechselnde Bildfelder und Bildinhalte und doch immer wieder ein und dasselbe Gesicht. Ein Mann hat viele Gesichter. Erst die verschiedenen ergeben ein Personenbild. Das Zentrum aller 20  Farbporträts bilden Kopf und Oberkörper in ihren vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten. Die Umgebung erscheint bei allen Aufnahmen nur in Ausschnitten. Kein überflüssiges Ding lenkt von der porträtieren Person ab, jedes miterfasste Objekt dient dem Bildgefüge, der Bildspannung, dem Linienrhythmus des Fotos, „einer Ordnung, die das Sehen unterstützt“, nennt es Niklas Richter. Es wundert daher nicht, dass einer der Orte, den er sich im Voraus ausgeguckt hat, das Versicherungsfoyer ist, mit Wandflächen, auf denen kräftige Farben großflächig in unterschiedlicher Geometrie ineinander greifen.

Ein Mann wäscht sich zu Hause im eigenen Waschbecken das Gesicht. Vom einen zum anderen Moment fällt von ihm ab, was er vor anderen darstellt. Er hat die Hände ins Becken getaucht, sie mit Wasser gefüllt, mit ihnen das Gesicht bedeckt und sie schließlich nach oben über das Gesicht und die Haare hinweg auseinander und hinter den Kopf geführt. Sein Blick trifft im Spiegel auf ein gelöstes, glattes Gesicht, von dem alle Erregung und Anspannung abgewischt worden zu sein scheint, sein Gesicht, bereit, neue Eindrücke aufzunehmen. Von links nach rechts spannt das Foto diesen Moment in ein Bildfeld, das vom in die Linien des Spiegels und Bildrandes gespannten Spiegelgesicht zum Gesicht vor dem Spiegel führt. Ein Foto, zwei Gesichter, zwei Perspektiven und Sichtweisen auf ein und dasselbe Gesicht. Runde Linien drängen gegen exakt gerade Linien, Spiegelbogen und Armdreieck geben mit- und gegeneinander den Ton an. Johann von Bülow hat sich hier auf eine kleine Szene eingelassen, die ihn in einem sehr persönlichen Moment zeigt. Der Betrachter spürt sowohl diesem wie dem Entspannungs-Erlebnis an sich nach, indem er sich in die ganz besondere Stimmung und Fügung des Bildes hineinliest und hineindenkt: Dies nur eines der 20 Fotomotive, die leider nur noch bis Ende September im Cinema zu sehen sein werden.

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