Politik

Antwort von FDP-Oberbürgermeisterkandidat Christian Bebek auf die Fragen in unserem Offenen Brief

Der Oberbürgermeisterkandidat der FDP, Christian Bebek, beantwortete unseren Fragebogen wie folgt:

1. Was verbindet Sie persönlich mit Göttingen und der Göttinger Innenstadt?

Als Geschäftsstellenleiter der Industrie- und Handelskammer Hannover habe ich sechs erfolgreiche berufliche Jahre in Göttingen verbracht und mich auch im Sport als Vorsitzender eines Göttinger Vereins engagiert. Zu den Initiativen dieser Zeit gehörte auch die Gründung der Pro-City GmbH und des dazugehörigen Fördervereins. Ich habe nicht nur den Namen vorgeschlagen, sondern auch die Satzungen beider Organisationen entworfen, die ersten Mitglieder geworben und die Gründungsversammlung in der Sparkasse moderiert. In den ersten zwei Jahren war ich gemeinsam mit Frau Daamen von der Stadt Göttingen auch nebenberuflich als Gründungsgeschäftführer von Pro-City aktiv. Wir wollten mit dieser Initiative ein Gegengewicht zur Entwicklung auf der Grünen Wiese setzen und das ist auch gelungen. Auch wenn vielleicht noch mehr Fahrt wünschen würde, verfügt Göttingen heute über eine Citymanagement-Struktur, deren Standard wenige andere Städte auch nur annähernd erreichen. Das gilt auch für den Organisationsgrad. Die meisten Innenstadthändler kennen mich aus der Pro-City-Zeit persönlich.

2. Was gefällt Ihnen an Göttingen nicht?

Göttingen redet zu viel über Probleme, anstatt konkrete Pläne zu entwickeln und diese zu beseitigen. 

3. Wo kaufen Sie ein? Gibt es Geschäfte, in denen Sie Stammkunde sind? Was gefällt Ihnen an diesen Geschäften?

Es gibt viele Geschäfte in Göttingen, die ich regelmäßig besuche. Besonders erfreut bin ich immer, wenn ich positiv überrascht werde. Es reicht heute nicht mehr aus, nur die Erwartungen der Kunden zu erfüllen. Nur wenn ich gelegentlich einem unerwarteten Service oder eine besonders netten Bedienung erhalte, bleibt das hängen und ich erzähle davon auch Nachbarn und Freunden. So gewinnt und behält der Händler Stammkunden. Die Stärke der Göttinger Innenstadt liegt sicher in der Vielzahl, der noch immer vorhandenen kleinen und individuellen Geschäften. Sie machen die Stadt unterscheidbar vom üblichen Einerlei. Wenn ich ein neues Geschäft sehe, gehe ich immer rein und frage, wie es läuft.

4. Welche Geschäfte sind ihrer Ansicht nach nicht mehr zeitgemäß? Inwiefern benötigen die Göttinger Innenstadt und ihr Handel eine Veränderung, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben?

Es kommt einem Oberbürgermeister nicht zu, öffentlich mit dem Zeigefinger auf einzelne Händler zu zeigen – einem OB-Kandidaten schon gar nicht. Die Entscheidung welches Handelsangebot nicht zeitgemäß ist, fällt ganz allein der Kunde, und das gnadenlos. Als Abteilungsleiter der IHK bin ich unter anderem für handelspolitische Fragestellungen verantwortlich. In allen Diskussionen mit Händlern und Wissenschaftlern bestätigt sich immer wieder, dass die Verbraucher sich mehr und mehr polarisieren. Es wird entweder billig oder hochwertig geshoppt. An diesen beiden Enden des Marktes ist Geld zu verdienen. Dort wo sich der klassische Einzelhändler heute noch bewegt - mittlere Qualität zum mittleren Preis – wird zukünftig immer weniger übrig bleiben. Wissenschaftler sagen bis 2020 gerade noch zehn Prozent Marktanteil für diese sogenannte „tote Mitte“ voraus. Händler, die sich noch in diesem Segment aufhalten, müssen also entweder billiger oder besser werden. Was sich in absehbarer Zeit nicht verändern wird ist, dass die Erreichbarkeit das A und O für den Handel ist. Auch die Göttinger City wird ihre Potenziale nur heben können, wenn keine Verkehrsbehinderungspolitik mehr gemacht wird. Wenn Geld keine Rolle spielen würde, wäre zusätzlicher Parkraum und eine Kabinenbahn vom Bahnhof in die City und am besten weiter zum Campus traumhaft. Letzteres ist ein Scherz, zeigt aber, in welche Richtung wir denken müssen. Wer sagt, er wolle die Innenstadt fördern, gleichzeitig aber die Verkehrsanbindung behindert, lügt sich in die Tasche.

5. Welche Vorteile und Nachteile bietet ein Shopping-Center wie ECE Ihrer Ansicht nach einer Innenstadt wie Göttingen?

Erst einmal zu den Vorteilen der Shopping-Center an sich: Zentral geplanter Sortiments-Mix, optimale verkehrliche Erreichbarkeit, einheitliche und durchgehende Öffnungszeiten, penible Sauberkeit und gemeinsamer werblicher Auftritt aller Mieter. Im Gegenzug bieten sie in der Regel deutlich weniger Originalität als eine gewachsene Innenstadt. Genau die genannten Stärken der Center sind es, die unseren angestammten Händlern erhebliche Kopfschmerzen machen. Ich habe mir in den letzten Monaten mehr als zwanzig Städte zwischen Bremen und Kassel angesehen. Keiner City ist es trotz großer Bemühungen auch nur annähernd gelungen mit den Standards der Shopping-Center gleichzuziehen. Die Strukturen im angestammten Handel sind dafür einfach zu heterogen. Man kann deswegen aber nicht jede Center-Ansiedlung verteufeln. Gut gemacht kann ein Center ein wichtiger Frequenzbringer sein und eine starke Magnetfunktion für die gesamte Innenstadt ausüben. Voraussetzung ist, dass es städtebaulich eingebunden ist, die Größe stimmt und die Sortimente nicht zu stark mit dem bestehenden Angebot konkurrieren. Leider ist die Verhandlungsbereitschaft der Investoren in der Regel höchst eingeschränkt. Selbstbewusstsein tut also gut.

6. Was wissen Sie über andere Städte, in deren Innenstädten ECE ein Center gebaut hat?

Da ich mit dem Thema beruflich zu tun habe, kenn ich Dutzende von Einkaufszentren – von ECE und auch anderen Betreibern. Es ist wie ich bereits gesagt habe: es gibt Städte, die mit schlecht geplanten, großflächigen Zentren ihre Innenstädte ruiniert haben und andere, die in hohem Masse von der Ansiedlung profitieren. Am Beispiel Hannover lässt sich dies sehr einfach  verdeutlichen. Die wenigsten Menschen wissen, dass der Hannoversche Bahnhof seit der EXPO 2000 ein von der ECE gemanagtes Einkaufszentrum ist. Niemand würde behaupten, dass es dort vorher hübscher ausgesehen habe. Im Gegenteil sind die Bürger und auch die Händler in der Hannoverschen Innenstadt mit dem Ergebnis hoch zufrieden und freuen sich, einen bundesweit ausgezeichneten Bahnhof zu besitzen. ECE spricht von einem hochprofitablen Center. Mittlerweile plant das Unternehmen allerdings  in unmittelbarer Umgebung weitere 30.000 qm Handelsfläche. An diesem Standort sind die Meinungen schon deutlich geteilter, weil die Umlenkungswirkungen in der City absehbar stärker ausfallen und es Gewinner und Verlierer geben wird. Schwarzweiß-Denken ist zu einfach und Göttingen täte gut daran, schleunigst zu überlegen welche Rolle es in der Handelslandschaft einnehmen will. Bekanntlich liegt Hannover nur 32 Zugminuten entfernt und rüstet deutlich auf.

7. Wenn Sie das Geld und die Macht hätten, das Stadtbadareal, das Gefängnis und die Staatsanwaltschaft so zu entwickeln, dass es zur Attraktivität der Innenstadt beiträgt, was würden Sie aus allen dreien machen?

Ich kann mich mit der augenblicklich diskutierten Mischnutzung und einem aufgewerteten Zugang zum Wasser gedanklich gut anfreunden, wenn wir gleichzeitig etwas für die Erreichbarkeit der City tun. Entscheidend ist, dass die unansehnliche Situation schnell beendet wird. Die Lösung muss städtebaulich attraktiv und von der Nutzung her geeignet sein, Leben in die Stadt zu bringen. Eine schön-tote Lösung darf es nicht geben. Spontan habe ich mich neulich gefragt, warum ein attraktives Gebäude wie das Sartorius-College mit hochwertiger Nutzung eigentlich im Gewerbegebiet steht, wo es niemand sieht. Sicherlich gab es gute Gründe das Bildungszentrum des Unternehmens in unmittelbarer Reichweite zum Betrieb zu bauen und die Betriebswirtschaft muss auch stimmen. Trotzdem müssen Gedankenspiele erlaubt sein. Wäre ich zum Bauzeitpunkt schon OB gewesen, hätte ich die Idee zumindest mal am abendlichen Kaminfeuer mit dem Vorstand des Unternehmens diskutiert.

8. Wo sehen Sie Möglichkeiten der Neuansiedlung von Betrieben in Göttingen?

Es ist absolut notwendig expansionswillige Unternehmen im In- und Ausland zu beobachten und frühzeitig Kontakt mit den Planern aufzunehmen. Hierzu muss jede sich bietende Gelegenheit genutzt werden. Nur wer die handelnden Personen kennt, hat überhaupt eine Chance ins Rennen zu kommen. Auch der Professionalitätsgrad mit dem eingehende Anfragen bearbeitet werden muss geprüft werden. Auch wenn ich sicher zusagen kann, dass dieses Thema Chef-Sache wird, wird die erfolgreiche Ansiedlung von neuen Unternehmen von ausserhalb leider die Ausnahme bleiben. Deshalb kommt eine noch größere Bedeutung der Pflege des Bestandes und der Förderung von innovativen Gründungen zu.

9. Wie können künftig Abwanderungen von Betrieben verhindert werden?

Das haben Sie höflich umschrieben. Viele der Unternehmen und Arbeitsplätze, die Göttingen in den letzten Jahren verloren hat, sind nicht abgewandert, sondern schlicht wegen Insolvenz oder mangelnder Rentabilität aus dem Markt ausgeschieden. Den Unternehmensbestand zu binden und auch neue Wachstumskräfte freizusetzen ist harte Kärrnerarbeit. Wirtschaftsförderung funktioniert nicht vom grünen Tisch, sondern nur durch permanente Präsenz der Mitarbeiter und der Stadtspitze in den Unternehmen. Ich weiß, dass die Inhaber das absolut erwarten. Nur wenn ich als Bürgermeister oder Wirtschaftsförderer meine Kunden kenne, kann ich die Produkte in Form von Grundstücken, zinsgünstigen Darlehen, Zuschüssen, Bürgschaften und Beteiligungen an den Mann bringen. Es gibt davon mehr als genug, aber häufig hapert es an der Vermittlung. Wir werden hier deutlich zulegen müssen, um Unternehmer, die vor Frustration ihre Projekte schon in die Schublade gelegt haben, dazu zu bringen, diese wieder hervorzuholen. Rückenwind aus Berlin durch eine vernünftige Steuerpolitik und zügigen Bürokratieabbau würde dabei sicher keinen Schaden anrichten.

10. Wie stellen Sie sich eine Zusammenarbeit mit der Universität vor? Woran liegt es Ihrer Ansicht nach, dass eine solche bisher kaum besteht?

Wer behauptet, es gäbe in Göttingen keine Zusammenarbeit mit der Universität oder den vielfältigen anderen Forschungseinrichtungen, kennt sich nicht besonders gut aus und verhöhnt die vielen Menschen, die sich seit Jahren um dieses Thema bemühen. Zum Beispiel sind Ausgründungen massiv unterstützt worden und die Institute der Hochschule sind in viele Netzwerke eingebunden. Im Fall des Measurement-Valley habe ich selbst dafür gesorgt, dass dies kein geschlossener Zirkel der Göttinger High-Tech-Firmen ist, sondern dass von Anfang an die Universität, die HAWK und auch das Laserlabor eingebunden wurden. Hier gibt es nach wie vor viele fruchtbare Kooperationen. Trotzdem wünschen wir uns natürlich alle, das die geballte wissenschaftliche Kompetenz der Hochschule noch deutlich stärker in alle Teile der Stadt ausstrahlt. An Identifikation besteht jedenfalls kein Mangel. Wenn wir die Kommunikation zwischen Stadt- und Universitätsspitze verstärken, kommt sicher auch mehr dabei heraus. Entscheiden ist, dass wir uns weniger über Tradition unterhalten sollten, als über konkrete Projekte, die uns helfen die Tradition in die Zukunft fortzuschreiben.